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The Island

DIE INSEL

Be not afraid, the isle is full of noises,
Sounds, and sweet airs, that give delight and hurt not.
Sometimes a thousand twanging instruments
Will hum about mine ears, and sometimes voices,
That if I then had waked after long sleep,
Would make me sleep again; and then in dreaming,
The clouds me thought would open, and shew riches
Ready to drop upon me: when I wak'd,
I cried to dream again.

Sei nicht in Angst! Die Insel ist voll Laut,
Voll Tön und süsser Lieder, die ergötzen
Und niemand Schaden tun. Mir klimpern manchmal
Viel tausend helle Instrument ums Ohr,
Und manchmal Stimmen, die mich, wenn ich auch
Nach langem Schlaf erst eben aufgewacht,
Zum Schlafen wieder bringen. Dann im Traume
War mir, als täten sich die Wolken auf
Und zeigten Schätze, die auf mich herab
Sich schütten wollten, dass ich beim Erwachen –
Aufs neu zu träumen – heulte.
(deutsch von August Wilhelm Schlegel)

„Ein Mann klopfte an die Tür des Königs und sagte, Gib mir ein Schiff.” (Jose Saramago)

Einem neuen Stück einen Namen zu geben, sei, wie, wenn edie Geburt naht, nach den Namen für ein Kind zu suchen. „Sie haben alle möglichen grossartigen Ideen, aber erst, wenn Sie das Baby tatsächlich sehen, passt einer besonders. Kompositionen haben, mehr noch als Kinder, die Angewohnheit, für sich selber zu entscheiden, wenn die Zeit der Schwangerschaft vorbei ist. Sie gehorchen nie jenen weisen Stimmen, die sie drängen, an einem bestimmten Tag hervorzutreten. Wie John Donne fast meinte: “art, all alike, no season knows nor clime”.

Das gilt freilich nicht für Konzertkalender. Plakate müssen gedruckt,
Deadlines eingehalten werden, und als mich so eine freundliche E-mail der Tonhalle um einen Titel für das neue Stück bat, antwortete ich mit The Island, obwohl ich mir offen gesagt nicht allzu viel dabei dachte. Mehr durch Zufall als durch Planung scheint es nun aber, dass ich auf den richtigen Namen stiess.

Thomas Hengelbrock und ich unterhielten uns nämlich über Shakespeare, das eigentliche Thema dieses Konzerts. Er hat die Angewohnheit, mir jeweils genau dann anzurufen, wenn ich mich an irgendeinem unmöglichen Ort befinde: in einem Dorf in Ruanda oder auf halbem Weg den Fujijama hinauf. Bei dieser Gelegenheit war ich in der Steppe Zentralasiens, dem am wenigsten engstirnigen Ort auf Erden, obwohl man sich dort ehrlicherweise ein bisschen wie in einem Grasozean vorkommt. Zweitausend Meilen vom Meer entfernt,
dachte ich über Prosperos Insel nach. Ich habe mich immer darüber gewundert, warum der Dichter einige seiner schönsten Sätze – und meiner Meinung nach zudem seine berührendsten Gedanken über Musik – in den Mund eines so abscheulichen Charakters wie Caliban legt. Vielleicht wäre er ein gutes Thema für ein Tongedicht. Bald merkte ich jedoch, dass dieses Monster trotz seiner Beredsamkeit kein geeigneter Kandidat für ein symphonisches Porträt war. Er gäbe einfach nicht genug her.

Die Insel-Idee jedoch hatte sich in einer Ecke meines Hirns eingenistet. Wenn Sie dazu technische Informationen wünschen (Ich hasse kompositionstechnische Einführungen, und das hier soll keine werden): Es handelt sich um eine sehr kurze, sehr verdichtete viersätzige Sinfonie mit verkehrter Satzfolge. Nach einer lärmigen Einleitung hören wir ein tanzartiges Finale, dann einen sich entwickelnden ‚Kopfsatz’. Das Menuett ist, Gott sei Dank, am rechten Ort, aber der langsame Satz steht am Schluss. Nun, vielleicht ist mein Hirn einfach falsch gewickelt. Ich schrieb einmal ein Stück mit dem Titel Variations, Theme and Introduction. Wie meistens bei mir basiert das Ganze auf einer kleinen Zahl von Themen, die ganz am Anfang vorgestellt werden; die Musik ist sehr abwechslungsreich im Charakter, wird aber durch eine wahre Obsession für die steigende kleine Terz zusammengehalten.

Warum nun also The Island? Dafür gibt es zwei Quellen: die erste ist José Saramagos Fabel Die Geschichte von der unbekannten Insel. Diese dreissig Seiten enthalten die vollendetste Liebesgeschichte, die ich kenne, und auch die beste Untersuchung zu John Donnes berühmtem Satz, dass No man is an Island, entire of itself. Wenn Sie allerdings eine Nacherzählung dieser Geschichte in meinem Stück suchen, dann vergeblich, denn ich habe mir nur die emotionalen Umrisse davon geborgt, und die Sätze spiegeln nur einige der Phasen wider, die die Geschichte durchläuft.   Sie beginnt mit einer Exposition, setzt sich durch eine Reihe von Enttäuschungen fort, trifft auf einen Traum des Verlusts und erreicht endlich Ruhe. Meine Insel gelangt ebenfalls über weite Strecken der gleichen Bahn entlang zur Ruhe. Gewiss ist das eher langsame Menuett ein Liebestanz, und die fernen Geräusche am Schluss scheinen die Segel zur Abfahrt der Liebenden zu setzen. Ich glaube, dass Caliban in die groteske Tollheit des zweiten Satzes Eingang gefunden hat, aber ich bin sicher, dass wir für Platz für ihn finden.

Die andere Insel ist jene in der Karibik, zu der ich das ganze letzte Jahr gependelt bin. JedeNation bewegt sich anders: Vergleichen Sie die irische Schwerfälligkeit mitdem italienischen Stolzieren, das fliessende Schreiten eines – männlichen oder weiblichen – Inders oder das schreckliche Unbehagen, das von einem gehenden New Yorker Besitz zu ergreifen scheint, und Sie verstehen, was ich meine. Menschen aus Trinidad sind unbekehrbare Individualisten, und das spiegelt sich in ihrem Gang. Stellen Sie sich mit halbgeschlossenen Augen an eine Strassenecke, und Sie werden merken, dass selbst die alltäglichsten Aufgaben mit der Beweglichkeit eines Tänzers erledigt werden. Der Schwung dieses wundervollen, unablässigen Tanzens beeinflusste sicherlich den Rhythmus von The Island; es kommt einem ein wenig wie ein Ballett vor, und vielleicht ist es sogar eines. Ich finde Trinidad zauberhaft, aber auch auf eine Weise, die ich nicht beschreiben kann, verstörend. Gewiss ist es mir sehr fremd. Die Nacht ist dort voller Geräusche und nicht alle davon sind süss – Stahlpfannen, Schüsse, Reggaerhythmen. Dieses nächtliche Durcheinander scheint sich neben den armen alten Caliban geschlichen zu haben und sorgt für den Rest im Mix. Lassen Sie mich mit dem
Shakespeare-Zitat enden, mit dem ich begann.

What’s in a name? The thing we call a rose
By any other name would smell as sweet.

Ich habe keine Ahnung, wie süss das Stück schmeckt, aber ich habe es
genossen, mit meinem Kanu zu welcher Insel auch immer zu paddeln, und ich hoffe, ich kann Ihnen allen an diesem Sommerabend ein kleines Vergnügen bereiten.“

Programme note: English

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