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Die Brück am Tay

Simon Wills uber «Die Bruck’ am Tay»In Gedichten können wir entdecken, wie gut wir eine Sprache kennen, denn nirgendwo sind dieAssoziationen einer subtilen Wortwahl sprechender als hier. Meine Muttersprache ist Englisch; mein Deutsch ist ein spät erworbenes. Mit dem Verständnis eines Ausländers suchte ich nach einer deutschen Entsprechung zu einem TedHughes oder einem Tennyson, einem, dem es um konkrete Bildlichkeit, eher um die Musik der Sprache als um ihre Philosophie geht. Novalis kommt nicht in Frage! Fontanes Gedicht ist perfekt – konzise, von klarer Vorstellung

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und dramatisch wie ein Opern libretto. Dennoch gab es Fallen. Ich bleibe immer sehr nahe am Text, den ich komponiere. Leicht erfasst man nur den wörtlichen Sinn der Vokabeln; was in den Worten mitschwingt, ist eine andere Frage. Inwieweit enthält «Stolz» das Sundige?
Kann ein Wort wie «Bangen» (das für englische Ohren leicht absurd klingt) viele chorische Wiederholungen vertragen? Das Oxford English Dictionary umfasst 13 Bände in Bibelstärke, aber das Englische bietet nichts, das exakt dem deutschen
«Tand» entspräche. Es bedurfte vieler Stunden und der geduldigen Hilfe meiner deutschen Nachbarin, bis ich hinter dieses wichtige Wort kam, das die Engländer nur umschreiben können. Meine Lieblingsübersetzung ist «Trumpery stuff», aber ich habe keine Ahnung, ob diese Mischung aus Dickens’schem Humor und verstaubter viktorianischer Missbilligung wirklich den deutschen Affekt widerspiegelt. Fontanes Geschichte ist opernhaft, und so wurde es auch meine Komposition: mit großen Rollen für Johnie, seine Eltern und für die Hexen. Bei
Shakespeare sind diese verrückten Schwestern kaum echte Charaktere, aber sie haben eine starke Präsenz. Bei Fontane wirken sie weniger menschlich, und um ihren Charakteren zu Glaubwürdigkeit zu verhelfen, habe ich sie zu Kindern
gemacht – zu bösen Kindern, die mit gefährlichem Spielzeug spielen,

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aber nichtsdestotrotz:zu Kindern. Vielleicht habe ich an meine eigenen
drei Töchter gedacht, die ziemlich teuflisch sein können, wenn sie einmal (selten genug) auf etwas einigen können. Fontane eröffnet sein Gedicht mit Shakespeare
(ich habe zum Anfangszitat ein paar Zeilen aus dem Macbeth hinzugefügt); daher rührt die ungewöhnliche Anlage des Stücks. In Shakespeare’s Globe Theatre gab es keine Kostüme, keine Kulissen – und kein Dach. Es ist eine Offenbarung,
seine Stücke im Londoner Nachbau des Globe zu sehen. Das Publikum steht (oft im
Regen) hautnah an den Schauspielern, die das Publikum umkreisen und durchschreiten können. Einmal stand ich bei einer Vorstellung unwissentlich
im Weg – und der Schauspieler schubste mich einfach beiseite! Ich wollte die Unmittelbarkeit des Shakespeare-Theaters in der Brück’ am Tay wiedergeben und hoffe, dass keiner der Sänger das Publikum zu derb anpackt – es wird viel Bewegung im und um den Saal geben. Das Gedicht ist voll von Wind- und Eisenbahnrhythmen: «Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf» – das rattert wie ein Zug, der über Weichen fährt. Die Idee zu der komplizierten und recht brutalen Fuge im Zentrum des Stücks kam mir über diesen Vers; der Chor wird hier zu einer Maschine, die Johnie zur tödlichen Brücke trägt. Die Symmetrie des Gedichts hat auch die musikalische Struktur beeinflusst: Ganz natürlich ergab sich ein symphonischer Verlauf mit Expositionen, Durchführungen, Variationen. Alle Themen und Motive entstammen dem umrahmenden  Lied «Blow Thou Westron Wynde», einem von vielen Komponisten (u. a. Tye und Taverner) verwendeten englischen Volkslied. Aber bitte: Stören Sie sich nicht an meinen intellektuellen
Selbstgefälligkeiten. Es ist eine wunderbare Geschichte – das ist die Hauptsache.
Herzlich danke ich Maika Tecklenberg Limebear. Ohne ihre unermüdliche Textlektüre und Geduld in linguistischen Detailfragen hätte ich meine
Brücke nur mit sehr viel mehr Mühe bauen können.

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